Die Pamir People und zurück in Duschanbe
- kathrinstahl

- 10. Okt. 2022
- 9 Min. Lesezeit
09.10.2022, Tag 191, Tadschikistan - Duschanbe

Ich bin nun seit ein paar Tagen in Duschanbe und mein Aufenthalt verlief äußerst erfreulich und völlig anders als erwartet.
Zum einen stellte in eine leichte Erschöpfung vom Reisen fest, sodass ich einfach froh war, ein paar Tage ohne zu packen am gleichen Ort bleiben zu können und ein bequemes Bett zu haben. Zum anderen hatte ich unerwartet viel Programm.
Im Hostel traf ich mal wieder Oliver. Leider hat Oliver seine Motivation verloren und wird bald nach Hause fliegen.
Ich habe immer noch keinen genauen Plan, wie ich weiter Reisen soll.
Zunächst fahre ich nach Usbekistan und möchte dann in den Iran. Da es dort nun aber irgendwie am brodeln ist, bin ich mir da nicht ganz sicher. Erst mal nach Usbekistan.
Nun zum Thema Parmir und seine Einwohner.
Die Menschen im Pamir, Pamiri genannt, haben mir sehr gefallen. Ich habe mich dort recht wohl gefühlt.
Die Pamiri bezeichnen sich selbst im englischen als Pamir People und werden auch von Tadschiken so bezeichnet. Sie sind ein eigenes Volk, dass zu Tadschikistan gehört. Entweder man kommt aus Tadschikistan oder man ist ein Pamiri.
Die Menschen im Pamir sprechen eine eigene Sprache, durch die Abgeschiedenheit in den Bergen haben Sie eine eigene Lebensweise und auch optisch kann man die Menschen aus Tadschikistan und aus dem Pamir unterscheiden.
Es ist ein eigenes Volk mit einer eigenen Kultur. Es gibt eigene Musik, die wirklich überall gehört wird und die jeder Einwohner des Pamirs mitsingen kann. Passend dazu gibt es eigene Tänze und eine eigene traditionelle Kleidung.
Auf Youtube kann man sich die Musik anhören. Zum Beispiel: Pamir-music.ASANSHOI-SAIDIK*** tuyona. - YouTube
Die Wakhan-People, die an der Grenze zu Afghanistan leben sind nochmal ein eigenes Volk, dass dem der Afghanen sehr nah ist und sich nur durch eine Aufgezwungene Trennung von Afghanistan entfernte. Aber darauf gehe ich nicht ein, das hat mich nicht so sehr berührt, da wahrscheinlich der Kontakt zu kurz war.
Die Pamirregion ist die autonome Provinz Berg-Badachschan.
Die Fläche macht 45% der Fläche von Tadschikistan aus, jedoch Leben dort nur ca. 210.000 Menschen (Tadschikistan hat ca. 9 Mio. Einwohner). Die Hauptstadt ist Chorugh mit ca. 30.000 Einwohnern. Der höchste Berg ist der Pik Ismoil Somoni mit 7495m.
Die Einwohner des Pamis sind Anhänger von Aka Khan IV, dem Anführer der ismailitischen Nazariten wohingegen Tadschiken zu 90% Anhänger des Islams sind und überwiegend sunnitisch.
Aga Khan IV ist der 49. Nachfolger des Propheten Mohammeds. Er ist das Oberhaupt von ca. 20 Mio. Anhängern weltweit. Die Ismailiten gehören zum Schiitentum.
Im Pamir Leben auch noch Kirgisen. Dabei haben die Kirgisen die absoluten Hochlagen als Ihr Zuhause gewählt. Also alles was über 4000m liegt. Die Umgebung hat dort ähnliche Bedingungen wie Kirgisistan.
Die Ortschaften der Pamirer liegen in den Tälern und auf dem Hochplateau meist zwischen 3700m und 3900m.
Nach Erzählungen von Menschen die ich getroffen habe, sind die Ismailiten sehr modern. Man betet "nur" 3 mal täglich, wobei im Islam 5 mal täglich gebetet wird. Es ist in keiner Weise eine radikale Strömung.
Aga Khan IV. regt seine Anhänger z.B. an Englisch zu lernen und Frauen zur Universität zu schicken. Hat man einen Sohn und eine Tochter, aber nur finanzielle Mittel um ein Kind in die Stadt zum Studieren zu schicken, dann soll die Tochter geschickt werden.
Tatsächlich konnten viele junge Menschen im Parmir englisch sprechen. Zudem fiel auf, dass die Arbeiten zwischen den Geschlechtern relativ ähnlich aufgeteilt sind. So kam es auch vor, dass in Gästehäusern der Ehemann Abendessen und Frühstück zubereitete, oder auch eine fröhliche Gemeinschaft von Männern zusammen in der Küche saß und Sahne machte.
Gleichzeitig hüten und treiben Frauen die Schafe, Kühe und Yaks genauso wie die Männer.
Das sind natürlich nur gewonnene Eindrücke. Vielleicht liegt diese Aufteilung auch nicht an der ismailitischen Lebensweise sondern an der unwirtlichen Umgebung im Pamir in der jeder mit arbeiten muss um zu überleben.
Zwischen der Pamir-Region und Tadschikistan kommt es immer wieder zu Konflikten.
Nach dem Zerfall der Sowjetunion entflammte 1992 ein Bürgerkrieg zwischen den Bürgern aus dem Tal und denen des Hochlandes. Dieser dauerte bis 1997 und forderte ca. 100.000 - 150.000 Todesopfer.
Dem Präsidenten Rahmon ist es bis heute nicht gelungen die Kontrolle über die Region zu erlangen. Nachdem die Volksfront aus der Talebene siegte und die Macht über Duschanbe erlangten, begann eine mörderische Hetzjagd auf die Menschen der Hochebenen.
Aus der Bürgerkriegszeit sind vier Banden übrig geblieben, die die Region und vor allem die Grenzen nach Afghanistan sichern, aber auch in den Schmuggel von Rubinen und Drogen von Afghanistan verwickelt sein sollen.
Sie übernehmen Aufgaben zum Schutz und Versorgung der Bevölkerung, zu der die Regierung nicht im Stande zu sein scheint. Vor allem was die Sicherung der Grenzen zu Afghanistan betrifft.
Zu Zeiten des Bürgerkrieges wurden Zufahrtswege blockiert, sodass die Menschen zu verhungern drohten. Die Stiftung des Aga Khans IV. half damals eine Lebensmittelversorgung aufzubauen, weshalb der Aga Khan IV. bis heute noch sehr verehrt wird.
Im Mai diesen Jahres gab es Demonstrationen der Pamiri gegen die tadschikische Regierung wegen Gesetzlosigkeit, Willkür und sozialer Ungerechtigkeiten. Die Demonstrationen wurden brutal niedergeschlagen. Viele Menschen wurden ohne konkreten Grund ins Gefängnis gebracht. Es wurden Menschen getötet und der Präsident bezeichnete das Vorgehen als eine "Antiterroroperation".
Die letzte Eskalation war im Juli diesen Jahres.
Der Aga Khan IV. forderte die Bandenchefs auf, Ihre Waffen abzugeben um friedliche Verhandlungen mit Tadschikistan zu ermöglichen. Die Bandenchefs folgten dem Rat, woraufhin Tadschikistan die günstige Gelegenheit nutzte und mit tausenden Militärs in die Stadt Chorugh einfiel und einen wichtigen Führer ermordeten, der selbst keine Möglichkeit zur Gegenwehr hatte.
Es gab mehrere Kämpfe an dem Tag die 50 Todesopfer forderten.
Leider finde ich im World Wide Web nur wenige Berichte über diese Konflikte. Ich hatte von mehreren Menschen im Pamir von den Auseinandersetzungen gehört, die einfach nur das Volk dort drangsalieren.
Ohne Anlass wird brutal gegen Demonstrationen vorgegangen und jährlich werden hunderte Menschen ohne konkreten Grund ins Gefängnis gebracht.
Es ist für mich relativ offensichtlich, dass die tadschikische Regierung, seit 1994 ist Präsident Rahmon am Werk, der zuletzt unter einer Wahlbeteiligung von 85% mit 90% Wiedergewählt worden sein soll (das Ergebnis ist zweifelhaft), der Berg-Badachschan Region nicht wohlgesonnen ist.
Alleine die Straße von Duschanbe in den Pamir, die zur Versorgung der Menschen notwendig ist, ist eine Frechheit. Seit Jahren fordern die Menschen, dass die Strecke geteert wird.
Von Duschanbe bis zur Grenze der Region, ca. 270 Km, ist die Straße top ausgebaut. Sehr schön geteert, breit und gut zu fahren. Sobald die Pamir-Region startet, ist die Strecke unverschämt schlecht. Alle Fahrzeuge, auch die LKW müssen über die 340 Km Schlagloch- und Schotterpiste bis nach Chorugh fahren. Relativ viele Fahrzeuge bleiben auf der Strecke liegen.
Zudem gibt es keinen öffentlichen Transport, sondern alles erfolgt in Selbstorganisation.
Die Regierung macht damit keinen Hehl aus Ihrer Abneigung gegen diesen Teil Tadschikistans.
Auch eine touristische Entwicklung ist damit schlecht möglich, da eine Anreise doch schon sehr strapaziös ist. Durch die schlechte Versorgungslage leben die Menschen dort sehr, sehr einfach.
Es gibt sogar einen Flughafen in Chorugh, der früher genutzt wurde um innerhalb von 50 Minuten von Duschanbe nach Chorugh zu fliegen. Preis nur 50$. Heute fährt man 13 - 14 Stunden in einem völlig überfüllten Toyota Landcruiser für 40$ über diese fiese Straße.
In Zeiten des Bürgerkrieges stürzte ein Flugzeug ab bzw. hob wegen Überfüllung nicht ab. Es war überladen mit Menschen die im Feuergefecht fliehen wollten. Seit diesem Unfall wurde dem Flughafen die Erlaubnis für Flüge entzogen.
Was mich auf dieser Reise immer wieder erstaunt: warum sind die Menschen eigentlich so scheiße zueinander und lassen sich nicht einfach in Ruhe? Egal wo man hinkommt, erfährt man entweder von einer schrecklichen Geschichte aus der Vergangenheit oder es gibt noch herrschende Konflikte und Hintergründige Abneigungen gegenüber Minderheiten. Immer wieder schockierend.
Was man auch lernt ist, dass man sich die Frage auch nicht stellen muss, warum die breite Masse das hinnimmt. Warum kommt es soweit? Es ist leider die Macht weniger und die drohende Gewalt oder auch Unterdrückung. Dafür gibt es ja tausende Beispiele in der Menschheitsgeschichte.
Mich hat die Situation und auch die Art, wie die Menschen mit dieser Regierung leben müssen, schon ein wenig getroffen.
Nachdem ich nun genug über die unglückliche Situation berichtet habe komme ich nun zu dem Spaß den ich hier in Duschanbe habe.
Am Mittwoch den 05. Oktober kam ich Abends hier an. Es war wieder eine lange 14 Stunden Fahrt mit 9 Personen im Toyota Landcruiser. Sehr eng, aber ok.
Im Hostel eingetroffen, in dem tatsächlich auch der Oliver untergekommen war, ging ich nur noch schlafen.
Am nächsten Tag Frühstück im Hostel, Mittagessen mit Oliver und Abends war ich mit Shaknoz, der Zugbegleiterin aus dem Nachtzug von Taschkent nach Duschanbe, zum Abendessen verabredet. Ich dachte wir gehen für 2 Stunden in ein Restaurant und der Abend ist gelaufen. Aber es kam anders.
Verabredet waren wir für 18 Uhr, Sie tauchte um 18:50 Uhr auf!!! Anstatt in ein Restaurant zu gehen, wurde ich in einen Beautysalon eingeladen, da meine Haare für Ihren Geschmack nicht gut genug aussahen. War mal ganz nett, die Haare wieder schön gemacht zu bekommen.
Danach haben wir mein Fahrrad zurück ins Hostel gefahren, sind in Ihren Beautysalon gefahren, damit ich ihn bewundern kann und danach in Ihre Wohnung da Sie sich umziehen wollte. Ich wurde auch direkt in ein Kleid von ihr gesteckt, dass mir eigentlich ein bisschen zu eng war und auch zu kurz.
Danach ging es in Restaurant - Theater - Showbühne - Disco .... alles was man braucht.
Es sah aus wie ein Schiff und die Tische waren hübsch eingedeckt. Eine Freundin von Ihr war auch dabei. Es wurde für mich aufgetischt was geht. Viel zu viel essen und ganz wichtig: ganz viel Fleisch.
Dabei lief die ganze Zeit ein wildes Programm auf der Bühne. Eine Mischung aus Persischer, Arabischer, Tadschikischer und Pamir-Kultur. Gesang und Tanz. Interessant, unterhaltsam aber viel zu laut.
Dann wurde mir noch eine Sisha gebracht, obwohl die Gastgeberin selbst keine Sisha raucht.
Alle halbe Stunde war Pause zwischen dem Programm und moderne Tanzmusik wie R´n´B erklang, sodass viele auf die Tanzfläche strömten um ihr Tanzbein zu schwingen.
Im Verlaufe des Abends trafen Sie zufälligerweise noch Freunde, zu denen wir uns an den Tisch setzten.
An diesem Abend haben so viele Menschen meine Beine angefasst, wie in den letzten 5 Jahren nicht.
Ich war die einzige Frau die einen Minirock trug. Ich fragte ich, warum Sie mich in das Kleid steckte, wenn doch hier niemand so vor die Tür geht.
Durch das kurze Kleid konnte ich mich kaum gegen das gefummel von sehr spitzen und fordernden tadschikischen Männern wehren. Männer starren und lechzen unverhohlen und sagen immer wieder: I love you & I want you & You are sexy.
Mehr braucht es wohl, laut dem Empfinden des tadschikischen Mannes, zur Eroberung einer Frau nicht. Einfach eindeutig das Interesse bekunden und durch Körperkontakt anzeigen, dass er zur Begattung bereit ist.
Einerseits witzig, anderseits weiß ich als deutsche Kartoffel kaum damit umzugehen.
Meine Gastgeberin ersuchte gelegentlich zu intervenieren, wenn Sie merkte, dass es mir absolut zu viel wurde.
Nach dem wilden Restaurantbesuch fuhren wir noch in einen Club um noch ein wenig zu tanzen und den Abend zu verbringen. Auch sehr lustig.
Bis ca. 4 Uhr waren wir unterwegs bis wir nach Hause fuhren.
Dazu zu sagen: es wird kaum Alkohol getrunken. Je Tisch wird eine Flasche Rotwein bestellt und sonst werden nur Säfte und Tee getrunken. Trotzdem sind alle ausgelassen und losgelöst. Die Umgebung reicht wohl aus um sich gehen zu lassen.
Am Folgetag ging ich Mittags mit Oliver Essen und Abends traf ich mich mit einem der Pamir-Taxifahrer. Ich hatte ihn zufälligerweise mehrfach getroffen. In Duschanbe, in Chorugh und bei einer 5 Minuten Pinkelpause zwischen Chorugh und Duschanbe. Das fanden wir dann beide doch so witzig, dass wir uns ständig treffen, dass wir uns zum Abendessen verabredeten. Natürlich wurde für mich wieder viel zu viel bestellt. Das Lieblingsessen ist Schaschlik. Ich komme nicht darum herum. Ganz viel Essen und wenn man schon am Stopfen ist, wird noch ein Schaschlik nachgereicht. War aber sonst ein schöner Abend.
Am nächsten Tag wieder Frühstücken, dann wollte ich Shaknoz nur das Kleid zurück geben und schwupps saß ich wieder in einem Restaurant mit viel zu viel Essen.
Danach bin ich ins Hostel und war einfach sehr Müde von den anstrengenden Tagen, sodass ich ein Mittagsschläfchen hielt.
Abends traf ich mich mit Dominik, dem Motorradfahrenden Kandadier, zum Essen.
Die 3 Kg, die ich mir im Pamir abgestrampelt habe, habe ich in Duschanbe in doppelter Menge in wenigen Tagen wieder drauf gegessen.
Am nächsten Tag war ich wieder mit dem Fahrer verabredet um dieses Mal zur Festung Hissor zu fahren. Er war selbst noch nicht da gewesen. Die Festung ist 3000 Jahre alt. Ich durfte mit seinem heiligen Toyota Landcruiser hinfahren. Die Karre hat unglaubliche 785.000 Km auf dem Buckel, und das obwohl sie hauptsächlich genutzt wird um diese katastrophale Straße mit sehr viel Zuladung zu fahren. Einfach eine geile Karre.
Die Festung war ganz schön und ich bekam einen "I love Tajikistan" Magneten geschenkt. "I love Pamir" gab es leider nicht.
Abends war ich wieder im Hotel und hatte nun endlich einfach mal Zeit und musste nicht noch mehr Essen in mich hinein stopfen.
Am Folgetag, Montag der 10. Oktober, konnte ich mich nun diesem Blog Eintrag widmen und paar Dinge erledigen.
Entspannung.
Abends möchte ich Shaknoz zum Abendessen einladen um mich für die schöne Zeit zu bedanken.
Shaknoz ist übrigens 35 Jahre, hat 5 Kinder und hat sich vor kurzen von ihrem Arschigen Ehemann getrennt, der finanziell nicht für die Kinder aufkommt. Sie arbeitete als Zugbeleiterin im Nachtzug, möchte in wenigen Tagen ihren eigenen Beautysalon eröffnen und wird finanziell von ihren Eltern unterstützt.
Ihr Ehemann ist übrigens solch ein Schürzenjäger, dass er mich quasi durch Sie versucht hat anzubaggern. Als wir im Restaurant waren rief er Sie an und Sie sagte ihm, dass Sie mit mir essen ist. Sie schickte ihm ein Bild von mir und er schickte ihr ein Bild von sich in schicker uniform, da er Polizist ist, damit Sie es mir zeigt und Sir mir klarmachen kann, dass er Interesse an mir bekundet. So frech es ist haben wir uns schlappgelacht. Was manchen Männern so einfällt.
Da kann man sich leicht ausmalen, warum Sie sich getrennt hat.












































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