Endlich auf dem Hochplateu des Pamirs
- kathrinstahl

- 3. Okt. 2022
- 6 Min. Lesezeit
30.09.2022, Tag 180, Tadschikistan Ak-Baital-Pass

Mein Fahrrad passte glücklicherweise in das Auto. Leider ließ sich das Auto nicht starten. Ich wunderte mich eine Stunde vorher noch darüber das das Radio läuft, als die Tür geöffnet wurde. Aber man sagte mir, dass wäre bei dem Auto so.
Als ich das laufende Radio erwähnte, wollte das niemand hören.
Es mussten erst alle anwesenden Männer und noch vier Tadschiken anrücken und zwei Stunden lang fachsimpeln, bis endlich mal jemand einfach überbrückt hat. Natürlich war die Theorie, dass die Batterie kaputt ist. Jede Menge Alarm und Drama und Stress mit dem Vermieter usw. folgten, dafür das am Ende nichts kaputt war. Man hätte einfach direkt das überbrücken probieren können. Aber auf mich wollte niemand hören.
Dann sind wir in den nächsten Ort tanken und einkaufen gefahren. Leider hatte Dominik, der Motorradfahrende Kanadier, einen Platten.
Also halfen wir noch den Reifen zu wechseln.
Die geplante Wanderung fiel flach, da wir erst um 13 Uhr alle Probleme behoben hatten. Wir starteten Richtung hoch in die Berge. Es war sehr steil und steinig, zudem überhaupt kein Verkehr. Uns kam auf 100 Km kein einziges Auto entgegen.
Von daher war ich froh im Auto anstatt alleine auf dem Rad die Strecke zu bewältigen.
Es ging durch die kargen Berge und bis auf 4300m. Die Hälfte der Strecke noch an der Afghanischen Grenze.
Die Landschaft hat sich im Vergleich zum Wakhan Valley stark verändert, da nun keine Bäume mehr zu sehen waren.
Wir fuhren bis nach Bulungur um ein Gästehaus zu finden.
Ein kleiner Ort auf 3700m. Wir aßen zu Abend Fisch aus dem nahe gelegenen See, dazu Brot und Yak-Yoghurt. Alles sehr lecker.
Wir schliefen auf dem Boden auf mehreren Matten. Das Haus war unbeheizt, aber ok.
Die Dusche war warm und es gab erstaunlicherweise eine Sauna. Die war fantastisch, da es Abends richtig schnell richtig kalt wird.
Es gab ein normales Klo aber keine Steckdosen bzw. Möglichkeiten Elektrogeräte zu laden und kein Internet.
Die Menschen leben auch im Winter dort und es wird bis zu Minus 60°C kalt. Es soll der kältesten Ort im Pamir sein.
Ich habe der Frau für 5 € ein Paar lange und dicke gestrickte Socken aus Yak-Woĺle abgekauft.
Mit Dominik habe ich dann noch versucht gescheite Fotos vom Nachthimmel zu machen. War schön. Es ist einfach stockfinster in der Nacht. Zudem wenig Atmosphäre in dieser Höhe. Daher richtig toller Sternenhimmel. Leider sind die Milchstraßenbilder unscharf.
Am nächsten Tag tauschte ich zunächst meine Reifen nochmal, da ich beide Reifen entgegen der Laufrichtung montiert habe.
Ich startete daher erst um 12 Uhr.
Querfeldein sollte es über 37 Km nach Alichur gehen.
Es war sehr einsam und wunderschön. Die Strecke war allerdings mühsam, da sehr sandig.
Ich kam an einem kleinen Geysir vorbei. Das war cool.
Als ich Pause machte und meine Nudeln kochte, holte mich Dominik mit seinem Mopped ein. Wir teilten uns die Spagetti mit dem guten Barilla Pesto brüderlich.
Dann waren es eigentlich nur noch 16 Km bis Alichur. Durch den schlechten Weg war ich sehr langsam, sodass ich erst in der Dämmerung eintraf.
Die Landschaft ist wirklich einzigartig und sieht aus wie auf dem Mars. Rot -braune Berge, gelbe Gräser und sehr karg. Es herrscht totale Stille.
Nur manchmal hört man Vögel.
Auch wenn es so hoch ist, liegt auf den Gipfeln kein oder kaum Schnee.
Mit der Sonne sind die Temperaturen angenehm, sodass kurze Hose noch drin ist.
In Alichur, auf 3800m gelegen, mit Dominik wieder in einem Homestay untergekommen.
Keine Dusche, keine Steckdose, Plumpsklo außen, innen mit Ofen beheizt, schlafen auf dem Boden, Plov als Abendessen, Nachts Internetempfang.
Ich startete am Folgetag mit super Sonnenschein Richtung Murgab.
Endlich mit dem Rad auf dem richtigen Pamir Highway. Der M41.
Sehr gute Straße bzw. Asphalt, nicht zu warm und nicht zu kalt, nur wenig Steigung, starker Rückenwind und keinen nennenswerten Verkehr. Was will man mehr?
Es war perfekt.
Die Berge und die Landschaft sind einfach einzigartig. Es hat sehr viel Spaß gemacht.
104 Km und der höchste Punkt lag auf 4150m, Neizatash Pass.
Vor Murgab wieder eine Kontrollstation. Überall im der autonomen Region Berg-Badachschan gibt es die Militärposten die Reisepass und GBAO, die spezielle Erlaubnis für diese Region, überprüfen.
Abends in Murgab mit Dominik im gleichen Gästehaus abgestiegen und dabei noch drei weitere Radfahrer getroffen.
Mittlerweile sind die Lebensformen hier so einfach, daß man tatsächlich bei der Suche nach Unterkünften auf Angaben zu Elektrizität, warm Wasser, Heizung und Betten mit Matratze stößt und auch berücksichtigt.
Das wichtigste ist ein Ort zum schlafen innen, weil es draußen zu kalt ist, Abendessen und Frühstück. Es gibt kaum Möglichkeiten sich selbst mit essen zu versorgen. Und ab und an eine heiße Dusche ist schön.
Die Menschen leben hier so einfach, dass habe ich so noch nicht gesehen.
Die haben häufig keine Stühle, Tische usw. Alles wird auf dem Boden gemacht.
Wasser muss häufig von draußen geholt werden und wird dann abgekocht zum trinken.
Toiletten sind außen und einfach nur Plumpsklos. Aber als Loch im Boden.
Gekocht und geheizt wird mit kleinen Öfen die mit Vieh-Dung befeuert werden.
Strom gibt es oft nur aus Solarenergie. Das reicht für Licht. Steckdosen gibt es meist nicht. Duschen und Warmwasser aus der Leitung ebenfalls nicht.
Internet gibt es nur in manchen Ortschaften. Es funktioniert, warum auch immer, nur Nachts.
Ein anstrengender Leben und trotzdem bleiben die Menschen sogar im Winter hier oben.
Das Essen ist entsprechend einfach. Es gibt I.d.R. Abends Plov. Ein Reisgericht mit einem kleinen Stück Lammfleisch.
Zum Frühstück gibt es gebratene Eier, Brot, Butter. Selten noch Aprikosengelee oder Milchreis.
Von Murgab sollte es zum Karakul See gehen. Eigentlich nur 1150m Steigung, aber 130 Km. Wobei es dabei ca. 70 Km bergauf und 60 Km bergab geht.
Ich startete früh, bei Sonne und keinem Wind, leichte Steigung und gut zu fahren.
Leider zog irgendwann Gegenwind auf, der mit zunehmender Höhe immer kälter und stärker wurde. Es war einfach nur anstrengend dagegen zu arbeiten. Entsprechend wurde ich immer langsamer und die zunehmende Höhe machte es immer schwieriger für mich.
Ich fing an zu zweifeln es zu schaffen, wollte aber unbedingt oben auf dem Ak-Baital-Pass ankommen. Dem höchsten Punkt des Pamir Highways.
Ab 4200m merkte ich die Höhe insofern, dass ich relativ viele Pausen brauchte und die leichte Steigung richtig mühselig geworden war.
Ab 4400m wurde es steiler und ich beschloss zu schieben.
Eine kirgisische Familie, die auf 4400m lebt, lud mich zur Übernachtung ein, ich winkte zunächst ab, da ich oben ankommen wollte.
Ich zog mehrere Lagen Kleidung an, die dicken Handschuhe und schob bei eisigen Wind das Fahrrad ca. 2,5 Km von 4400m bis oben auf dem Pass auf 4655m.
So hoch war ich noch nie.
Es war bereits 17:00 Uhr vorbei als ich oben ankam.
Aber egal, ich war stolz wie Oskar. Bei der dünnen Luft war sogar das Freudentänzchen anstrengend.
Aber es hat sich gelohnt. Eine sehr schöne Aussicht in alle Richtungen.
Jetzt noch 60 Km bis nach Karakul waren mir zu weit, da es noch windiger wurde und 25 Km Waschboard Anstünden.
Dominik, der mit seinem Motorrad schon auf dem Rückweg war, informierte mich ausführlich. Auch das man den See nicht gesehen haben muss.
Zudem wollte ich mich am nächsten Tag nicht nochmal den Pass hochquälen. Dann wären noch steilere Abschnitte dabei gewesen.
Trampen oder Taxi schien auch schwierig, da heute vielleicht 5 Autos an mir vorbei gefahren sind.
Also beschloss ich, dass es reicht, ich bei der kirgisischen Familie übernachte und dann zurück nach Murgab fahre.
Die Kirgisische Familie lebt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern in zwei kleinen Räumen in denen neben den Teppichen nur der Küchenofen zu finden ist und ein kleines Sideboard. Sonst nichts. Alle schlafen auf dem Boden. Es ist aber sehr warm, während draußen der Wind richtig pfeift.
Die Toilette ist außen ein Plumpsklo, dass nicht überdacht ist.
In beide Richtungen sind die nächsten Nachbarn ca. 50 Km entfernt.
Die Leute leben hier auch im Winter.
Die Kinder hatten fast nichts zum spielen, sodass ich Ihnen meinen treuen Begleiter, den pinken Hasen, überlassen habe.
So interessant das alles ist und es mir hier eigentlich an nichts wesentlichem mangelt, bin ich froh irgendwann wieder in einer Stadt zu sein und dann werde ich mir ein Zimmer für mich alleine nehmen. Hostels und Homestays usw. Sind für mich auf Dauer bisschen anstrengend, da immer Leute zugegen sind.
Nachtrag zum Wakhan Valley:
Der Wachankorridor ist ein relativ schmaler Streifen Afghanistan zwischen Tadschikistan und Pakistan.
Entstanden ist dieser 1873 als sich England und Russland um die Vorherrschaft in Zentralasien stritten.
Vertraglich wurde der Pamir-Teil Tadschikistan zugeordnet und der Wachan-Teil zu Afghanistan und sollte damit als Pufferzone zwischen den Großmächten dienen.


























































































































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