Kal mei Nervve
- kathrinstahl

- 7. Dez. 2022
- 6 Min. Lesezeit
Oder auf deutsch: Ach Gott, Karl, das zehrt an meinen Nerven.
07.12.2022, Tag 249, Oman - Sur

Die Nacht mit den Eseln verlief ruhig. Habe selten so entspannt geschlafen wie im Oman. Optimale Temperaturen, immer ruhig und bisher fühle ich mich immer noch sehr sicher.
Da kann man morgens auch mal Yoga machen.
Die Strecke verläuft weiterhin mit leichtem auf und ab durch die Berge.
Man hat das Gefühl im Gebirge zu sein, dabei bewegt man sich nur zwischen 100 und 200 Hm.
Dadurch das es so trocken und felsig ist, wirkt es eben sehr hoch gelegen.
Nach ca. 5 Km hole ich einen Schweizer Radreisenden ein. Wir plauschen kurz und schon trennen sich unsere Wege wieder.
Ein kurzer Abschnitt mit knackigen Steigungen verläuft neben der "Bundestraße". Sehr schöne Täler und Schluchten, kaum Verkehr. In der Ferne sieht man vereinzelt Kamele herum streunen.
Später führt die Straße wieder ans Meer.
Nachmittags komme ich am Bimma Sinkhole vorbei.
Eine Art Loch, Krater in Küstennähe mit klarem blauen Wasser. Mit einer Treppe kann man zum Wasser hinab steigen. Manche Männer gehen baden. Als Frau erspare ich mir die Blicke und fühle nur. Das Wasser ist recht warm und salzig.
Danach fahre ich weiter am Meer entlang und suche mir ein Plätzchen zum Zelten.
Wieder perfekt ruhig gelegen. Kaum Verkehr. Keine Menschen. Keine Tiere. Nur das Meeresrauschen. Morgend mit Blick aus dem Zelt auf den Sonnenaufgang über dem Meer wach geworden. Da starte ich den Tag wieder mit einer Yogarunde.
Der Oman ist wie der Himmel.
Weiter geht die Fahrt entlang der Küste bis zum Wadi Shab.
Wadis sind Flüsse oder Trockenbette die nur nach Regenfällen Wasser führen.
Häufig ist nur in Pools, also tiefen Stellen, Wasser und der Rest ist weitestgehend trocken.
Der Eingang von Wadi Shab ist ein Fluss und man setzt zunächst mit einem kleinen Boot auf die andere Seite über.
Dann wandert man ca. 45 Minuten durch die Schlucht. Das ist schon wunderschön. Meist ist es trocken. Hin und wieder gibt es blaue Pools.
Überall wächst es grün. Es gibt viele Palmen. Die rot-braunen Felsen und die grüne Vegetation lassen es wie eine Oase erscheinen.
Der Weg führt über Kies, über Felsen, an Felswänden entlang, auf Mauern bis zu einem großen blauen Pool.
Blaues, klares Wasser. Ein Traum.
Ich gehe hinein. Barfuß. Die Kiesel schmerzen. Pech für mich.
Es wird tiefer und ich schwimme in diesem unwirklich blauen Wasser immer weiter in die Schlucht hinein.
Noch ist die Schlucht rechts und links gelegentlich mit Wasserpflanzen gesäumt. Doch die Felswände werden steiler und die Schlucht enger.
Es kommen zwei Passagen die zu Fuß überwunden werden müssen. Aua.
Dann verengt sich die Schlucht soweit, dass man seitlich zwischen zwei Felswände schwimmen muss um in eine Höhle zu gelangen. Der Durchgang ist so schmal, dass gerade so der Kopf durchpasst.
Nach 3 - 4 Metern ist man in der Höhle.
In der Höhle, die oben z.T. offen ist, ist ein Wasserfall. Unglaublich.
Ein Mann zeigt mir noch eine Höhle.
Man muss leicht den Kopf unter Wasser tauchen um in einem Gang zu gelangen. Der Gang is so schmal, eng und kaum hoch genug, um die entscheidenden Körperöffnungen über Wasser zu halten.
Man hält sich an den Wänden fest um sich durchzuhangeln, denn zum schwimmen ist es zu eng. Das Wasser türkisblau, kommt man nach 5 - 6 m geschängelter Höhle hinter dem Wasserfall raus.
Einfach unreal schön.
Danach schwimme ich nach draußen und das Wasser an der engen Eingangspassage leuchtet durch das einfallende Licht fast schon neon türkis. Es sieht aus wie im Computer animiert.
Draußen angekommen, in der Schlucht wieder kann ich kaum glauben was für eine krasses Schwimmerlebnis das war. Sowas schönes. Einzigartig.
Richtig glücklich mache ich mich auf den Rückweg.
Was ein Abenteuer.
Natürlich war ich nicht der einzige Schwimmer. Der Betrieb hielt sich in Grenzen, aber genug um nicht ungesehen abzusaufen.
Leider habe ich keine Wasserfeste Kamera.
Danach wieder für ca. 45 Minuten zurück wandern.
Am Eingang setzte ich mich erst mal ins Café um beseelt Kaffee zu trinken.
Im Anschluss fahre ich weiter zum Wadi Tiwi. Nur wenige Kilometer entfernt.
Ich versuche die Straße vom Tal zum Pool mit Wasserfall hochzukommen. Die Straße wird jedoch immer steiler und ist wirklich mit dem Rad nicht im Ansatz zu bewältigen. Touristen mit ihrem Auto erzählen mir, als ich schon einsehe, dass es nicht geht, dass es noch schlimmer wird.
Also fahre ich zurück ins Tal. Dort möchte ich übernachten und am nächsten Morgen mit einem Auto hoch fahren.
Leider lege ich mich dann mit dem Rad ordentlich auf die Fresse.
Es gab eine Stelle auf der Straße, die von Wasser überspühlt wurde. In der Regel macht das nichts, aber dort war plötzlich alles voller Algen und glitschig. Als ich merke, dass das Rad nur noch schlittert, war es schon zu spät.
Ich fliege in dem nassen glitsch.
Zum Glück trug ich Helm, denn ich bin mit der Rübe ganz schön aufgeschlagen.
Ich merke direkt: das wird morgen im Nacken und Schulterbereich, sowie Hüfte, Schmerzen. Unterarme nur leicht geschrabbt.
Die Taschen schützen bei einem Sturz ganz gut das Rad, sodass diese bisschen schmutzig und verkratzt sind, sonst aber alles in Ordnung ist.
Ich steige direkt auf und fahre weiter. Heulen hat noch nie geholfen und mir ist noch nicht nichtmal danach.
Fast am Ausgang des Tales finde ich einen versteckten Ort. Weiter will ich nicht fahren. Der Sturz sitzt noch.
Ich baue auf, esse, lese, schlafe gut und ruhig.
Morgens erwache ich wie erwartet mit Nacken, Hüft- und Schulterschmerzen. Aber nicht so dramatisch.
Es ist so schön ruhig, dass ich mich zu einer lockeren Runde Yoga motiviere. Morgens um 7 Uhr. Keine Ahnung was mit mir los ist.
Ich packe und frühstücke und fahre ca. Viertel nach acht wieder Richtung Anstieg um eine Mitfahrgelegenheit zu finden.
Auf dem Weg dahin der Alptraum aller Alpträume.
Mein Handy fällt beim öffnen der Fronttasche heraus und genau vor den Hinterreifen. Es ist unausweichlich. Ich fahre drüber.
Ich mit 75 Kg Kampfgewicht + ca. 55 Kg Fahrrad inkl. Gepäck.
Ich halte an und sehe mein Handy an. Es ist Matsch. Was auch sonst.
Mein Gehirn schaltet sich gefühlt ab.
Ich habe mein Handy zerstört.
Das Smartphone! Ich habe Kontakte gelöscht, Kartenmaterial vernichtet, Fotos verschwinden lassen, Geburtstage in Vergessenheit geraten lassen, meine Bankgeschäfte zum erliegen gebracht, meine Musik zum verstummen.
Mein Leben ist zu Ende. Mein Herz ist verstummt, meine Verbindung zu Freunden und Familie gekappt, mein Sprachrohr für viel zu lange und sinnlose Sprachnachrichten meinerseits ist zerstört...
Ich kann nicht mal jemandem Bescheid sagen, dass mein Handy Schrott ist.
Ich bekomme ein flaues Gefühl im Magen.
Nachdem nach ca. 2 Minuten wieder Leben in meine Birne kommt, ist mir direkt klar: für das Wadi fehlt mir jetzt der Sinn.
Also radel mal in die nächste Stadt und hoffe auf ein Geschäft in dem du ein neues Handy erwerben kannst.
Deines sieht aus wie Elektroschrott.
Auch jetzt wundere ich mich über mich selbst. Stumpf weitermachen.
Ich fahre direkt los. Während der Fahrt kommt mir in den Sinn: ich könnte die Bluetooth Kopfhörer einschalten um zu sehen, ob es sich verbindet. Und ja: Bluetooth connected.
Ich habe wieder Hoffnung. Es ist noch an.
Vielleicht muss nur der Bildschirm getauscht werden.
Nach ca. 45 Kilometern halte ich in Sur direkt beim ersten kleinen Handyladen der sich Repair auf die Fahne geschrieben hat an.
Der Mann sagt: 35 Rial (87 €) ohne Garantie. Alleine das der mir einen Preis nennt, gibt Hoffnung.
Ich muss es versuchen.
Er sagt ich soll nach 4 Stunden wieder kommen.
Ehrlich gesagt bin ich erstaunt das der Mann in seinem 2 Quadratmeterladen die richtigen Teile hat.
Also 4 lange Stunden warten und hoffen.
Ich suche mir ein Café mit WiFi um meinen Computer zu nutzen. Leider sind die meisten Websiten nicht erreichbar.
Also lese ich endlich "one flew over the cuckoo's nest" fertig. Trauriges Ende.
Dann gehe ich, ja soweit ist es gekommen, in einer öffentlichen Toilette duschen.
Das ausgebliebene Bad des Wadi Tiwi fehlte mir, sodass mit eine Hocktoilette mit dem Schlauch für den Boppes ja plötzlich ganz praktisch erschien.
Tatsächlich kann man ziemlich gut darin duschen. Ich fühle mich danach besser als davor.
Danach fahre ich zurück zum Laden.
Junge, Junge, bin ich aufgeregt.
Und der Mann legt mein Handy auf den Tisch. Es sieht aus wie neu. Der Bildschirm leuchtet. Ich muss fast weinen.
Ich verspüre eine tiefe Liebe und Verbundenheit zum meinem Handy.
Für die Zukunft wünsche ich mir ein Tragetuch damit ich es immer eng an meinem Herzen tragen kann.
Rudi, mein kleiner Freund, du musst dir den Platz im Tragetuch dann mit dem Handy teilen.
(Rudi ist der süßeste Boston Terrier der Welt. Der Hund meiner Mutter, den ich nur in meinen Träumen in seinen Depri-phasen im Tragetuch an mich binde.)
Nach diesem Unglück habe ich, zum ersten Mal seit ca. 10 Jahren, eine Handyhülle gekauft. Und weil ich schon in Schutzlaune war, direkt noch eine Sicherheitsfolie für den Bildschirm.
Bähm! Nimm das! Welt!
So ein dramatischer Tag.
Abends fahre ich noch schnell paar Kilometer um am Strand ein Plätzchen für die Nacht zu finden.
Ich sehe ein paar Pavillons die mir praktisch erscheinen.
Ich werde auf dem Weg von vier Omanis, 2 Frauen und 2 Männer, die alle miteinander verwandt sind, zum Fischessen eingeladen.
Die sind sehr nett aber auch sehr aufgedreht.
Das Essen war sehr lecker und bisschen scharf.
Um ca. Acht Uhr verabschieden wir uns. Ich baue meinen Schlafplatz auf und die vier machen sich auf den Nachhauseweg.
Der Platz erscheint sicher und ruhig.


































































Weiah! Jetzt hab ich aber auch Puls…😳. Und ich sage es gerne nochmal: Du bist so tapfer! Hut ab.