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Usbek Polizei lässt nichts anbrennen

  • Autorenbild: kathrinstahl
    kathrinstahl
  • 1. Nov. 2022
  • 6 Min. Lesezeit

01.11.2022, Tag 213, Usbekistan - Samarkand

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Von Xiva bin ich mit dem Zug zurück nach Bukhara gefahren.

Es ergab sich endlich die Gelegenheit in einem klassischen, altmodischen Zugrestaurant zu speisen.

Es gab Plov, Kaffe, Cay, Sonnenblumenkerne und Bier zu einem normalen Preis. Es hat sehr gemundet.

Dabei lernte ich zudem eine Frau kennen, die von der Türkei nach Österreich ausgewandert ist und in Wien lebt. Wir finden heraus, dass ein ehemaliger Schulkamerad von mir, der auch aus meinem Dorf stammt, ein guter Freund von ihr ist. So klein kann die Welt sein.

In Bukhara blieb ich nur eine Nacht, dann ging es endlich wieder mit dem Rad weiter.

Leider ist Usbekistan sehr flach und geradeaus. Daher war die Fahrt recht ereignislos und mühsam, da eintönig.

Temperaturen warm. Angenehme 22°C.

Eine Nacht verbrachte ich im Zelt, dann eine Nacht in Qarshi im Hostel und danach wieder im Zelt ca. 65 Km vor Samarkand.

Diese Nacht führte zu einem Ereignisfeuerwerk.


Der Platz war verlassen und doch nahe der Straße gewählt. Um 19 Uhr lag ich im Zelt. Ca. eine halbe Stunde später kamen zwei junge Männer und fragten die üblichen Fragen. So weit so gut. Sie verschwanden wieder. Ich schaute zum ersten Mal im Zelt einen Film, den ich vorher auf Netflix heruntergeladen hatte.

Ich wurde um 21:30 Uhr von den zwei Männern wieder gestört. Es erschien als wolle er bei mir im Zelt schlafen. Durch die

Sprachbarriere konnten wir uns nicht unterhalten. Irgendwannn gingen sie, aber sie hinterließen ein ungutes Gefühl.

Ich schaute den Film weiter und hörte nichts ungewöhnliches.


Ich überlegte nach dem zweiten Besuch zu packen und umzuziehen, dachte dann aber, dass ist Paranoid. Chill lieber.

Ich schlief sehr schlecht. Es windete und regnete.

Am nächsten Morgen stelle ich fest: Fahrrad weg. FUCK.

Glücklicherweise kommt ein junger Mann vorbei, der mir hilft meine Taschen an die Straße zu bringen und ein Auto nach Samarkand anzuhalten.


Dort im Hostel eingecheckt gehe ich Sonntag um ca. 14 Uhr zur Touristen Polizei in Samarkand. Und hier beginnt das Spektakel.


Nach kurzer Zeit kommt ein Mann der gut Englisch spricht.

Er sagt, dass es in einem anderen Bezirk als Samarkand passiert ist. Er verschwindet, kommt nach einer viertel Stunde wieder, und verweist auf den nächsten Kollegen.

Dieser kommt nach 45 Minuten und spricht sehr gut englisch. Er telefoniert paar mal herum und um 16 Uhr fahren wir zum Ort des Geschehens.

Auf dem Weg dahin werden noch vier weitere Polizisten eingesammelt. Ortsbegehung mit 5 Polizisten für ca. 45 Minuten.


Nach langem überlegen und vielen, vielen Telefonaten ist klar, dass es im Bezirk Quarshi, also eines anderen "Landes", liegt. Eigentlich war bereits in Samarkand klar, aber man hat hier wohl Zeit und telefoniert wirklich sehr gerne.

Wir fahren zur zuständigen Polizeistation.

Auf dieser Polizeistation kommen fünf weitere Polizisten in die Runde. Es wird viel gesprochen, ich soll Handschriftlich ein Statement zum Tathergang schreiben.

Gesagt, getan.


Um ca. 19 Uhr fahren Team Samarkand und Team Quarshi (SoKo Almann) und ich nochmal zum Tatort.

Team Samarkand rückt ab und SoKo Almann ist mit acht Männern vertreten. Einer davon trägt eine wichtige Warnweste und ein Klemmbrett. Einer ist zudem mit einem Koffer für die Beweisaufnahme bewaffnet.

Im Dunkeln stapfen wir zum Tatort. Vier Menschen sperren meinen Zeltplatz der vergangenen Nacht mit gelben Flatterband ab und in der Mitte posiert der Mann mit Warnweste und Klemmbrett für Fotos. Zwischendurch auch mit dem Koffer. Die Männer an den vier Ecken und die übrigen machen mit ihren Handys Licht.

Ich soll mich mit in den abgesperrt Bereich stellen und auf die Stelle zeigen, wo mein Fahrrad lag.


Nach dem nächtlichen Fotoshooting gehen wir zu den geparkten Autos. Aus den 8 Männern sind gefühlt 20 geworden.

Ein neuer Ermittler, von der Touristenpolizei Qarshi, ist eingetroffen. Er spricht sehr gut englisch. Sonst niemand mehr.

Ich bekomme zum tausendsten Mal die gleichen Fragen gestellt. Und es werden sehr detaillierte Fragen gestellt, die ich kaum beantworten kann, da ich den zwei Männern in der Nacht kaum Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Ich wollte nur meine Ruhe.


Die Fragen sind so schwierig und machen mich durcheinander. Ich komme mir fast so vor, als wäre ich unter Verdacht.

Plötzlich um 21 Uhr wird mir noch am Straßenrand ein Mann vorgestellt und gefragt ob er der Täter sei. Nein, er ist es nicht.

Zwei Minuten später präsentieren sie den nächsten. Ebenfalls nein.


Es stehen 5 Autos der Polizei am Straßenrand. Ein Staatsakt für mein Fahrrad.

Ich bin müde von dem ganzen Halli Galli, tausenden Menschen und tausend mal die gleiche Frage. Mein Gehirn schaltet ab.

Tatsächlich fragt jemand ob ich Hunger habe. Ich hatte nur Frühstück. Also ja.


22:00 Uhr fahren wir Abendessen.

Ich bekomme erklärt, dass bereits Polizisten in die nahe gelegenen Dörfer ausgeschwärmt sind um alle Männer die ca. 25 Jahre alt sind aufzusuchen.


Um 23:00 Uhr fahren wir zurück zur Polizeistation um nochmal eine richtige Vernehmung zur Aufnahme des Tatherganges zu machen.

Um 01:15 Uhr ist die Vernehmung beendet.

Alles wurde wirklich top dokumentiert.

Sehr viele Schriften wurden verfasst.


Ich bekam Während der Vernehmung bereits Fotos von einem möglichen Täter gezeigt. Ich bin mir nicht sicher.

Zudem ist klar, dass ein weiterer potentieller Täter nicht Zuhause ist und bis morgen gesucht und gefunden sein wird.

Die detaillierte Befragung und das daraus entstandene Bild des Täters haben die Polizei sehr gezielt suchen lassen.


Da Samarkand weit weg ist und ich morgens wieder auf der Polizeistation sein soll, werde ich auf Kosten der Polizei in einem Hotel einquartiert. Um 02:00 Uhr liege ich endlich im Bett.


Morgens um 09:00 Uhr startet der Tag.

Frühstück und ab zur Polizeistation.

Man sagt mir, man habe mein Fahrrad gefunden. Ich kann es nicht glauben.

Der Täter wird ebenfalls per Foto präsentiert.

Interessanterweise Olympiateilnehmer 2020 in Tokyo und Mixed Martial Arts Champion. Er war wohl etwas beleidigt, dass ich nicht mit ihm mitkommen wollte. Da hat er sich und der Freund unüberlegt das Fahrrad unter den Arm geklemmt.

Zur Feier des Tages gehen SoKo Almann und ich zusammen im Restaurant essen.


Ich verbringe den Tag sonst mit warten.

Warten auf den Täter, die Vernehmung von ihm, eine erneute Vernehmung von mir, die Identifizierung meines Rades, die Identifizierung des Täters.

Alle sind schwer beschäftigt und noch am selben Tag wird Klage erhoben und das Verfahren eröffnet.

Für das Verfahren werde ich nochmal vernommen, da es jetzt ein neuer Prozess ist.


Ich identifiziere den Täter, der auch selbst seine Tat eingesteht.

Dabei stehen drei Männern mit Nummern nebeneinander, ich soll auf den Täter zeigen und erklären warum es er ist.

Alles wird fotografisch festgehalten. Neben ca. Zehn Polizisten sind auch noch zwei neutrale Personen anwesend, die auch schriftlich bestätigen, dass alles mit rechten Dingen zuging.


Der Mittäter ist ebenfalls eingetroffen und gesteht seine Schuld ein.

Da er im Dunkeln stand und ich nicht weiß wie er aussieht, wird mir gesagt das er es war und ich sage einfach zur Identifizierung das er es war.


Ebenfalls identifiziere ich mein Fahrrad. Drei Räder werden ausgestellt und ich soll meines auswählen. Damit soll sichergestellt werden, dass das Verfahren nicht geschlossen wurde, weil mir die Polizei irgendein Fahrrad ausgehändigt hat nur um keinen offenen Fall zu haben.

Ich wähle meines, erkläre warum es meines ist. Alles wird fotografisch festgehalten. Zudem sind zwei neue neutrale Personen, zur Bestätigung das alles korrekt läuft, anwesend. Sie gehören nicht der Polizei an, noch kennen Sie mich oder den Täter. Alles wird protokolliert.


Während dem Warten wurde ich im Büro des Chefs einquartiert. Es gibt leider kein WLAN und niemand spricht englisch. Daher bisschen tröge.

Aber der Chef lässt auffahren und die Polizisten besorgen für mich Kaffee, Obst, die volle Auswahl Süßgetränke und Schokolade.

Das Obst wird sogar für mich aufgeschnitten.

Der Polizeichef ist großer Fan klassischer Musik. Er lauscht dieser bei der Arbeit und ist bei manchen Stücken emotional voll dabei. Er spielt selbst auch Klavier und Cello.

Zwischenzeitlich möchte er mich mit deutscher Musik unterhalten. Natürlich kommt als erstes Rammstein. Es folgen wahllos deutsche Hits die um die 20 Jahre alt sind. Interessant was Youtube ausspuckt, wenn man auf russisch oder usbekisch deutsche Musik sucht.


Im Laufe des Tages, weil ich eine zeitlang mit ihm in einem Raum saß, kommen ich und der Täter in Kontakt. Er ist eigentlich Lehrer, MMA worldchampion und hat 2020 für Usbekistan an den olympischen Spielen teilgenommen. Keine Ahnung was den jungen Mann geritten hat. Wir sind jetzt Instagram Freunde.


Zum Abschluss verfasse ich noch ein Schreiben, dass der Prozess ohne meine Anwesenheit erfolgen kann.

Es erwartet Ihn wahrscheinlich eine Geldstrafe.


Am Ende des Tages habe ich fast Krämpfe in den Händen, weil ich tausende Dokumente unterschreiben und mehrere Statements und Versicherungen Handschriftlich schreiben musste.


Um 23:00 Uhr Montag Abend werde ich in ein Auto gesetzt, dass mich nach Samarkand bringt. Ich werde nochmal zum essen ausgeführt.

Um 01:30 Uhr treffe ich im Hostel ein.

Ich bin so fertig von den zwei Tagen.


Dienstag kaufe ich ein Zugticket und Abends mit dem Nachtzug wieder nach Duschanbe zu fahren.


Deutschland aufgepasst. Ein Scheibchen zum Abschneiden. Die haben hier ähnliche Bürokratiestandards und vorgehensweisen wie wir, aber die Bearbeitung erfolgt einfach entsprechend der Situation sofort.

Unglaublich. Während ich Sonntag bei der Flatterbandaction kaum das Grinsen vermeiden konnte (zum Glück war es dunkel), bin ich im Nachhinein schon beeindruckt wie schnell Papierberge produziert und gezielt der Täter gefunden wurde. Es waren nur wenige Stunden.

Sehr strukturiertes und Professionelles Vorgehen. Alles genaustens dokumentiert und nachvollziehbar. Locker ist ein Aktenordner entstanden zudem könnte ich ein Fotoalbum von mir erstellen. Ich mit dem Team im verschiedenen Konstellationen und Situationen und wie ich auf die Täter, Fahrräder, Orte, Dinge usw. zeige.

Ohne so schnelles handeln wäre das Fahrrad wahrscheinlich weg gewesen.

Also in Usbekistan ein Unrecht zu tun, will gut überlegt sein.

Die Polizei ist topp in Schuss.


 
 
 

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