Wer war eigentlich dieser Atatürk?
- kathrinstahl

- 20. Juni 2022
- 4 Min. Lesezeit
20.06.2022, Tag 79, Türkei - Kemaliye, 0 Km

Noch zum gestrigen Eintrag:
Ich hatte überlegt, ob ich solche Geschehnisse beschreiben soll oder nicht. Die Realität ist leider nicht Friede, Freude, Eierkuchen. Daher gehört dieses Erlebnis auch dazu.
Von hunderten Begegnungen war diese die einzige die absolut daneben war. Statistisch gesehen gibt es somit keinen Anlass zur Sorge.
Mein Herz hat sich äußert für die Türkei und ihre Einwohner erwärmt. Ich fühle mich hier generell sehr gut aufgehoben.
Ich werde täglich angesprochen, aber immer mit Abstand. Wenn man mal keinen Tee möchte oder was auch immer, dann ist es auch ok und die Menschen lassen einen in Ruhe. Egal wo ich bin, es kommen immer andere vorbei, sodass ich nie ganz alleine bin.
Ich fahre auf Hauptstraßen von Stadt zu Stadt.
Ich fühle mich hier im wesentlichen wohl und der kleine Ausreißer gestern hätte überall passieren können. Der Mann war einfach nicht ganz dicht in der Birne.
Bisher war die Reise fast nur super und ich habe dieses Vorkommniss bereits abgehakt.
Bitte nicht so viele Sorgen machen. Ich war vorsichtig, bin vorsichtig und bleibe vorsichtig.
2017 habe ich mir einen Toyota Land Cruiser gekauft, auch mit der Hoffnung verbunden, irgendwann einen Partner oder Freund zu finden, der auf Weltreise mitkommt.
Ich wollte nie alleine auf Reisen gehen.
Da ich innerhalb von 5 Jahren niemanden gefunden habe der mitkommen wollte und es alleine zu teuer wäre (15 L auf 100 Km) habe ich mich entschieden alleine mit dem Rad zu starten bzw. mit einem Reisepartner, den ich im Internet gefunden habe. Es hat zwischen uns aber nicht gepasst.
Was blieb mir übrig als alleine weiter zu fahren? Ich war schon unterwegs und noch länger warten?
Das Erlebnis gestern war nicht schön, aber außer abhaken kann ich nichts machen. In Deutschland alleine zu sein, war für mich schlimmer. Die gleichgesinnten Reisenden zu treffen gibt mir sehr viel und ich habe mich auf dieser Reise so wenig einsam wie seit "vor Corona" gefühlt. Coronalockdown hat mir richtig weh getan. Da habe ich mich einsam gefühlt. Das war schlimmer.
Das gestern war ein scheiß der halt mal passiert. Ich bleibe vorsichtig. Und ohne irgendwo mitzufahren, hätte ich die Strecke nicht geschafft. Der Mann hat mir Hilfe angeboten, ich habe die Hilfe angenommen. War dann leider ein Spinner.
Der Toyota, meinen Traum, habe ich übrigens letzte Woche verkauft und wurde heute abgeholt.
Nun zurück zu Friede, Freude, Eierkuchen. Was es bisher zu 98 % der Reise war.
Ich bin heute in diesem schönen Ort Kemaliye geblieben. Ein Bergdorf am Euphrat, auf 1130m liegend und mit ca. 2000 Einwohnern.
Die Häuser mit Holz verkleidet erinnern an Gebäude in der Schweiz oder dem Allgäu.
Ursprünglich hieß der Ort Eğin, wurde aber 1922 zu ehren von Mustafa Kemal Atatürk umbenannt.
Wer war denn dieser Atatürk?
Mustafa Kemal Atatürk (1881 - 1938) ist der Gründer der Republik Türkei und war der erste Präsident.
Sein eigentlicher Name lautete Mustafa Kemal Pascha. Das türkische Parlament verlieh ihm zu seinen Ehren 1934 den Nachnamen Atatürk, was soviel bedeutet wie: Vater der Türken.
Gegründet wurde die Türkei 1923, nachdem es Atatürk im türkischen Befreiungskrieg gelang die Griechen zu vertreiben. Mit dem Vertrag von Lausanne (1923) wurde die Souveränität der Türkei in den bis heute bestehenden Grenzen festgehalten.
Er schaffte Kalifat und Sultanat ab und modernisierte die Türkei nach westlichem Vorbild.
Atatürk war selbst beim Militär und hat dieses sich selbst verpflichtet. Bis heute hat das Militär eine Sonderstellung in der Türkei und ist soweit mächtig, dass sie den Kemalismus verteidigen / erhalten unabhängig der gewählten Regierung.
Er erließ Kleidervorschriften, wonach traditionelle Kleidung verboten wurde. Frauen und Männer wurden gleichgestellt und u.A. durften Frauen Universitäten besuchen. Allgemein setzte er sich für die Frauenemanzipation ein.
1925 wurde die islamische Zeitrechnung durch die christliche Abgelöst.
Der Sonntag löste den Freitag als Arbeitsfreien Tag ab.
Das metrisch System wurde eingeführt.
Die am Koran orientierte Rechtssprechung wurde durch das Schweizer Zivilrecht ersetzt.
Die osmanische Amtssprache wurde durch die Türkische Volkssprache ersetzt.
Die arabische Schrift wurde durch die lateinische Ersetzt.
In wenigen Jahren hat Atatürk den kompletten Staat umgebaut und modernisiert.
Es herrscht bis heute ein Personenkult. Überall Denkmäler, Fahnen, Bilder usw. mit seinem Abbild.
Es ist eine erhebliche Leistung die er erzielt hat und ohne Ihn wäre die Türkei ein anderes Land. Wahrscheinlich weniger frei und modern und mehr dem Islam zugewandt.
Nun zurück zu meinem Aufenthalt:
Heute morgen war ich immer noch ziemlich gerädert von der Sonne. Heute wieder ca. 35°C.
Im laufe des Tages habe ich mein Iran Visum über eine Agentur neu beantragt, im Dorf nach Schrauben gefragt und jemanden gefunden, der die Ortliebtasche aus seinem Schraubenfundus reparieren konnte. Zudem einen Fahrer gefunden, der mich morgen den ersten harten Anstieg auf den Berg fährt. Das halbe Dorf war bei der Diskussion dabei. Problematisch war einfach zu vermitteln, dass ich nur auf den Berg will und dann mit dem Rad weiter fahre, weil es mir zu heiß ist.
Yoga gemacht, eingekauft, mein Haupthaar geschnitten und gechillt. Bisschen den hübschen Ort erkundet, der zum UNESCO Welterbe gehört. Der Weg entlang am Euphrat gehörte auch zur Seidenstraße.
Es gibt hier, man glaubt es kaum, keine Kangals.
Abends noch schön überfressen.
Die Hühner auf dem Fotl wurden übrigens so in der Kiste auf einem Sprinter hierher transportiert. Die Armen. War bestimmt ein wilder Ritt.
Also ein schöner erholsamer Tag. War auch wieder unglaublich heiß.
Da es ist wie es ist:
Robyn - Dancing on my own


























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